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Jenseits von reden

Äsop war ein zahnloser, stotternder Sklave mit Säbelbeinen, Schielaugen, unreiner Haut und einem vorquellenden Bauch. Im 6. Jahrhundert vor Christus hielt der listige Schelm mit allerlei Wortspaltereien und rabulistischen Sprachspielen die Mächtigen zum Narren. So, wie sie es verdienen.

AesopDie Handlung seiner Fabeln findet meist in einem unrealistisch kulissenhaften Raum statt. Als Figuren treten vorwiegend Tiere auf, denen Qualitäten fest zugeordnet sind wie etwa die Schlauheit dem Fuchs oder die Einfalt dem Esel.

Lehren aus Fabeln lassen sich als Lebensregeln für konkrete Situationen verstehen, die Akzeptanz oder Kritik der bestehenden Verhältnisse anregen. Wie etwa in der Fabel vom Kamel. Die geht so:

"Als die Menschen das Kamel zum ersten Male sahen, erstaunten sie über die Größe des Tieres und flohen bestürzt davon. Bald merkten sie aber, dass es nicht so furchtbar sei, wie sie es erwartet hatten, sondern dass man es leicht bändigen könne. Sie fingen es mit geringer Mühe ein und verwendeten es zu ihrem Nutzen. Ganz geduldig ließ es alles mit sich geschehen und wich jeder Gefahr aus. Nun fingen die Menschen an, weil es trotz seiner Größe und Stärke sich nie widerspenstig zeigte, sondern sich jede Kränkung ruhig gefallen ließ, es zu verachten."

Mit sensibler Aufmerksamkeit beobachte ich die Kapriolen von Politikern, Pop- und sonstigen Fabel-Stars, an denen unsere Gesellschaft ihr ethisches und ästhetisches Wachstum und Fortkommen bemessen lernt. Leider nur mit zweifelhaften Fähigkeiten wie Abschreiben, Querlesen und Spesenrechnen ausgestattet, suche ich in diesem trauerfarbenen Land trotzdem mal nach starken Worten für die Schwachen, mal nach zündelnden Worthülsen, die zum Beispiel den Schimmel über Berlin ins rechte Licht rücken. Denn so viel Wut war nie unter den bundesdeutschen Mitmenschen. Unbändige Wut über die unverfrorenen Zukunftsverweigerer in den Parteien und lähmenden Interessenverbänden.

Wir, die Gemeinschaft der Bundesbürger, sind wie das Kamel aus Äsops Fabel. Die "Menschen" sind die Zukunftsverweigerer im unrealistisch kulissenhaften Raum des Deutschen Bundestages. Anfangs respektierten die Abgeordneten die Größe und Kraft einer Gesellschaft mit parlamentarischer Demokratie. Heute verachten sie uns. Sie lachen uns aus.

Die Zukunftsverweigerer haben uns alle als Geiseln genommen. Sie haben unsere Gesellschaft und die Mechanismen unseres Staates zu ihrer Beute gemacht, die sie gierig aussaugen. Befangen vom Zauber ihrer Allmacht fressen sie sich von Tag zu Tag satt, ohne uns zu stillen.

Wir sind wie Sonnenkinder ohne Licht. Sie werden von uns dafür bezahlt, Probleme zu lösen - aber sie schaffen uns welche. Immer mehr, immer neue! Jetzt stehen wir ratlos vor der Hydra. Großmäulig und sonor wie eine Mistralbö malen uns die Selbstversorgerseelen im Rhythmus verlogener Gesten schon wieder die Perspektiven ihrer Kreuzworträtselwelt aus. Agenda 2010? Nichts mehr als eine blutleere Schlachtplatte, sie bleibt das große Arbeitslos. Vive la Trance.

Aber so kann es nicht weitergehen! Sein oder Wicht sein, das ist hier die Frage. Wir Gebeutelten sollten jetzt nicht weiter lamentieren, wie ein Werwolf beim Blutspenden. Deshalb bin ich für misstrauensbildende Maßnahmen. Lassen Sie sich das Denken in Zierbuchstaben der Politiker nicht mehr gefallen. Wenden Sie sich an die Abgeordneten, die sie in Land- oder Bundestag gewählt haben. Per Telefon, Brief und Fax. Machen Sie den Analphabeten des Lebens unmissverständlich klar, dass Ihre Geduld am Ende ist.

Wir wollen keine fetten Katzen und schrägen Vögel, sondern Saupacker und Bärenbeisser - aus Hunger nach Wirklichkeit.